Haben Pferde ein Schlüsselbein? Diese Geheimnisse stecken im Pferdekörper

Haben Pferde ein Schlüsselbein? Was tun sie, wenn ihnen übel ist? Und: Wo liegt denn nun ihr Knie? Fragen, auf die selbst viele Pferdefreunde bislang nicht immer die passende Antwort wussten. Denn unser Partner auf vier Hufen hütet rein anatomisch-physiologisch betrachtet einiges an Geheimnissen. Wir schauen uns den Pferdekörper einmal genauer an, lüften die Top Secrets und räumen auf mit dem ein oder anderen Irrtum! 

„Was tun Sie, wenn man Ihnen ein Pferd mit Schlüsselbeinbruch zuführt?“ fragte der Professor seine Veterinärkandidaten. „Gipsverband und Tetanusspritze“ schlagen die Studenten vor. „Ich würde das Tier teuer ans Museum verkaufen“ sagt der Professor. „Denn es wäre das einzige Pferd mit einem Schlüsselbein…“

Gebrochenes Schlüsselbein? Ab ins Museum

Der Witz mit dem gebrochenen Schlüsselbein des Pferdes ist alt. Mindestens genau so lange fehlt das Schlüsselbein beim Pferd schon. Anders als das Pferd hat der Mensch ein Schlüsselbein.

Auch andere, schnell laufende Säugetiere haben kein Schlüsselbein. Warum? Ganz einfach. Es behindert am flotten Rennen und gerade das kann für Pferde und andere Fluchttiere lebenserhaltend sein. Also ist das Schlüsselbein im Lauf der Evolution verkümmert und hat sich zu einem Sehnenstreifen entwickelt, der sich am Schultermuskel befindet. Das Schultergelenk ist beim Pferd übrigens ein sogenanntes Scharniergelenk. Es lässt sich also nur vor und zurück bewegen. Der Mensch kann seine Schulter hingegen in alle Richtungen bewegen. Bei ihm ist das Schultergelenk ein Kugelgelenk. Das hat vielleicht manch einer von Euch schon gespürt – wenn er sich die Schulter beim Sturz vom Pferd schmerzhaft ausgekugelt hat.

Haben Pferde eine Gallenblase?

Den Pferden fehlt nicht nur das knöcherne Schlüsselbein, ihnen fehlt auch die Gallenblase. Und, obwohl Pferde keine Gallenblase haben, können sie dennoch Galle, produzieren.

Die Leber stellt die Galle her. Das ist auch ganz normal, denn anders als vielfach angenommen, ist nicht die Gallenblase der Produzent der Gallenflüssigkeit, sondern die Leber. Die Galle, eine für die Verdauung enorm wichtige Substanz, wird bei Organismen, die eine Gallenblase besitzen, lediglich eingedickt und gespeichert.

Faultiere und Ratten haben genauso wie die Pferde keine Gallenblase. Hirsche und Giraffen fehlt die Gallenblase ebenfalls. Ansonsten verfügt der größte Teil der Wirbeltiere über das Hohlorgan. Ihnen allen aber kann die Gallenblase bei medizinischer Notwendigkeit auch ohne größere Nachteile entnommen werden. Das gilt auch für die Gallenblase des Menschen.

Aber was sind denn Gallen?

Häufigste Gallen beim Pferd. Quelle: http://www.enpevet.de/Lexicon/ShowArticle/42112/Gallen
Häufigste Gallen beim Pferd. Quelle: http://www.enpevet.de/Lexicon/ShowArticle/42112/Gallen

Pferde haben also nicht nur Gallenflüssigkeit, sie haben auch „Gallen“. Zumindest manche. Pferde mit Gallen leiden unter Flüssigkeitsansammlung im Bereich von Gelenken und Sehnenscheiden, verursacht unter anderem durch Prellungen oder Überlastung. Ungünstig sitzende Gallen können durchaus üble Folgen haben, mit Entzündungen verbunden sein und ein Pferd zum Lahmen bringen.

Wesentlich unproblematischer sind die sogenannten Windgallen. Hier drunter versteht man die weitgehend harmlose Form der Galle, die in der Expertensprache auch als „unsymptomatische“ Galle bezeichnet wird. Bei dieser Form der Galle liegt zwar eine vermehrte Füllung der Gelenkkapsel oder der Sehnenscheide vor, diese ist aber nicht erwärmt. Das heißt sie ist nich akut entzündet und verursacht keine Schmerzen. Oftmals sind diese harmlosen Gallen lebenslanger Begleiter für ein Pferd – zum Glück aber solche, die keine weiteren Probleme bereiten. DIE Galle hat also nichts mit DEN Gallen zu tun…

Blinder Darm

Dass wir Menschen einen Blinddarm haben, nehmen wir im gesunden Zustand nicht wirklich wahr. Er hat keine besondere Funktion. Erst wenn der Blinddarm entzündet oder gar durchbrochen ist, bereitet uns der nur als „Anhängsel“ vorliegende Darmteil schlimme Schmerzen und muss nicht selten in einer Not-OP entfernt werden. Im Gegensatz zum menschlichen Blinddarm kommt dem Blinddarm des Pferdes eine ganz zentrale Funktion bei der Verdauung zu. Eine Gemeinsamkeit, die Pferde mit den possierlichen Meerschweinchen teilen. Der Grund? Pferde sind sogenannte Enddarmfermentierer. Das bedeutet, dass die Verdauung größtenteils erst im rund 26 Meter langen Darmtrakt stattfindet. Ihr Blinddarm, der ein Volumen von bis zu 90 Liter fassen kann, gilt als die „Gärkammer des Pferdes“, in welchem überwiegend mikrobielle Verdauungsvorgänge stattfinden. Hier wird die Nahrung fermentiert.

Signal durch Kaustopp – wann sind Pferde satt?

Sicherlich kennst Du den Rat, dass man vor dem Essen zunächst ein Glas Wasser trinken soll. Auch die Portion Salat vor der Hauptmahlzeit wird gerne propagiert. Nicht allein der Vitamine wegen, sondern um den Magen zunächst kalorienarm zu füllen. Das Sättigungsgefühl des Menschen wird nämlich maßgeblich vom Magenfülldruck gesteuert. Und wenn da eben schon einige Ruccola-Blätter Platz beanspruchen, bekommt das menschliche Gehirn die Info: „Magen ist ziemlich voll. Nun nicht mehr so viel essen…“

Beim Pferd reguliert die Anzahl der Kauschläge die Nahrungsaufnahme!
Beim Pferd reguliert die Anzahl der Kauschläge die Nahrungsaufnahme!

Beim Pferd läuft das ein wenig anders ab. Hier reguliert in erster Linie die Anzahl der Kauschläge die Nahrungsaufnahme. Wissenschaftler haben eine Verbindung zwischen der Anzahl der Kauschläge und dem Gehirn festgestellt. Das Pferdegehirn zählt quasi die Anzahl der Kaubewegung und gibt nach einer bestimmten erreichten Anzahl das Signal: „Satt! Stopp! Jetzt ist genügend Futter aufgenommen!“

Ein Kilo hochkonzentriertes Kraftfutter ist vom Pferd ganz rasch aufgefressen. Ein Kilo Heu hingegen verlangt die vielfache Fresszeit und etliche von Kaubewegungen. Das erklärt, warum ein Pferd, dessen Energiebedarf durch Kraftfutter gedeckt worden ist, keineswegs „satt und zufrieden“ ist. Es hat nämlich im wahrsten Sinne des Wortes „nicht genug zu beißen“. Ihnen fehlt es schlicht an Knabberzeug. Deshalb überfressen sie sich auch leicht, beispielsweise wenn sie es geschafft haben, in die Futterkammer einzubrechen.

Ohne ein Völlegefühl zu spüren schlagen sie sich den Magen voll, bis dieser völlig überladen ist, mitunter sogar bis zu dessen Zerreißung. Du siehst also, wie wichtig strukturreiches Raufutter für Pferde ist.

Und sie rülpsen doch…

„Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen…“ – auch das ist so ein Spruch, der als Witz gemeint ist oder der Dinge beschreibt, die eigentlich unmöglich sind. Doch können Pferde wirklich nicht erbrechen? Auch das ist eine alte Mär. Eine, die allerdings nicht hunderprouzentig korrekt ist. Denn – zumindest in der Theorie – könnten Pferde kotzen. Der starke Schließmuskel der in den Magen mündenden Speiseröhre, der das Erbrechen normalerweise verhindert, ist nämlich nicht immer stark. Liegt am sogenannten Pförtnermuskel ein Defekt vor, ist er beispielsweise erschlafft oder gerissen, kann es schon passieren, dass das Futter den falschen Weg aus dem Magen nimmt. Mit tödlichen Folgen! Ein gesundes Pferd mit intaktem Pförtnermuskel kann tatsächlich nicht erbrechen.

Rülpsen aber – und auch das war lange umstritten – können sie. Wenn Pferde rülpsen oder aufstoßen, ist das allerdings immer ein Hinweise auf ein ernstzunehmendes Magenproblem. Ein gestresster Magen oder sogar ein Magengeschwür beim Pferd führen dazu, dass Pferde aufstoßen.

Luft im Sack

Quelle: https://www.tierspital.uzh.ch/de/Pferde/pferdechirurgie/Dienstleistungen/3-Luftsackpilz.html
Der Luftsack beim Pferd (Quelle: https://www.tierspital.uzh.ch)

Pferde haben Luftsäcke. Diese beidseitigen Luftsäcke sind Teil des Luftweges und eine wirkliche Besonderheit der Pferde. Die Luftsäcke des Pferdes liegen als Aussackung der Ohrtrompete unterhalb der Schädelbasis. Sie stellen eine Erweiterung der Verbindung zwischen Mittelohr und Rachenraum dar.

Die genaue Funktion der Luftsäcke vom Pferd ist bislang nicht eindeutig geklärt. Man vermutet, dass die dünnhäutigen Säcke, die ungefähr 300 bis 500 Milliliter Luft fassen können, gleich mehrere Aufgaben erfüllen:

Diese Aufgaben haben die Luftsäcke des Pferdes

  1. Erstens: Die Luftsäcke des Pferdes sind am Schluckvorgang beteiligt.
  2. Zweitens: Offenbar sind die Luftsäcke auch am Druckausgleich zwischen Mittelohr und Rachen beteiligt
  3. Drittens: Ein Sekret aus dem Mittelohr und der sogenannten Tubenschleimhaut läuft zunächst in den Luftsack und von dort in den Rachen. Das ist eine besonders wichtige Beobachtung! Denn mit diesem Wissen bekommt das Fressen in tiefer Kopfhaltung – so wie sie beim Grasen eingenommen wird – eine ganz besondere Bedeutung: Nur in dieser natürlichen Fress-Haltung des Pferdes kann das Sekret abfließen. Dazu muss das Pferd beim Fressen vom Boden häufig abschlucken! Kann das Pferde nur mit erhobenem Kopf fressen und ist nicht animiert bei tiefer Kopfhaltung zu schlucken, dann sammelt sich das schleimige Sekret in den Luftstäcken . Das kann zu schmerzhaften Entzündungen führen.
  4. Viertens: Die Luftsäcke, die sich beim Schlucken öffnen und mit Luft füllen, sind am Luftaustausch beteiligt.
  5. Fünftens: Eine weitere Theorie vermutet, dass Luftsäcke wie eine Art Gehirnkühler funktionieren, da die innere Kopfarterie durch ihn verläuft. Das Blut, das durch die innere Kopfarterie fließt wird in den Luftsäcken gewissermaßen „an der frischen Luft“ um einige Grad herunter gekühlt.

Wichtig zu wissen: Da die Luftsäcke über die Ohrtrompeten mit dem Nasenrachen in offener Verbindung stehen, dringen Infektionserreger relativ leicht in die „Luft-Blasen“ ein. Daher sind Luftsack-Erkrankungen nicht selten und können sogar tödlich enden. 

Knie am Arm?

Wenn Pferde in die Knie gehen, tun sie alles, doch sie gehen nicht in die Knie. Sie fallen vielmehr auf ihr Vorderfußwurzelgelenk oder knicken eben dort ein. Doch aus menschlicher Sicht erinnert das auffällige Gelenk in der Mitte des Vorderbeines zu sehr an das humane Knie, als dass sich hier Verwechslungen von Vornherein ausschließen lassen könnten. Man vergisst nämlich nur allzu leicht, dass das Pferd ja nicht senkrecht sondern horizontal konstruiert ist: Die Vorderbeine des Pferdes entsprechen den menschlichen Armen und die Hinterbeine des Pferdes den Schenkeln des Menschen.

Wenn du genau hinsiehst, kannst Du das nicht sehr auffällige Kniegelenk am Hinterbein des Pferdes erkennen und zwar genau dort, wo es hingehört, zwischen Unter- und Oberschenkel…

Weil das Vorderfußwurzelgelenk aber so an das menschliche Knie erinnert, bezeichnet man es auch als „Vorderknie“. Korrekt aber entspricht das Vorderfußwurzelgelenk, das auch als Karpalgelenk bezeichnet wird, dem menschlichen Handwurzelknochen.

Eingeschlafene Beine

Das Knie des Pferdes stellt eine echte Besonderheit dar: Es ist nämlich so konstruiert, dass es die Basis dafür bildet, dass das Pferd im Stehen schlafen kann!

Das Prinzip das dabei zum Tragen kommt, nennt man das Spannsägenprinzip und es ist ziemlich kompliziert zu erklären. Wenn es Dich dennoch interessiert, wie das Knie des Pferdes aufgebaut ist, guck es Dir hier an:

Das Knie des Pferdes: Schritt für Schritt zum Spannsägenprinzip

  • Die Kniescheibe der Pferde ist oben in die Endsehnen der Oberschenkelmuskeln eingebettet.
  • Nach unten schickt die Kniescheibe drei starke Bänder bis an das obere Ende des Unterschenkelknochens.
  • Die Kniescheibenbänder sind so angeordnet, dass sie mit der Kniescheibe selbst eine Art Schlaufe bilden.
  • Diese Schlaufe kann das Pferd durch eine kurze Muskelkontraktion willentlich über einen Knochenvorsprung am unteren Ende des Oberschenkel-Knochens heben.
  • Hinter dieser Knochennase hakt sich die Kniescheibe dann fest. Durch diesen Vorgang kann das Knie arretiert werden.
  • Wenn das Bein in dieser Form fixiert steht, können Knie- und das Sprunggelenk nicht gebeugt werden.
  • Während diese Arretierung auf der vorderen Seite des Hinterbeines abläuft sorgt auf der Rückseite des Beines der starke Fersen-Sehnen-Strang für relative Stabilität.
  • Zwischen diesen beiden Konstruktionen sind Ober- und Unterschenkel nun wie bei einer Spannsäge eingespannt und bleiben jetzt mit minimaler Muskelanspannung senkrecht.

Warum dieses sogenannte Spannsägenprinzip so wichtig ist?

Pferde, von Natur aus Fluchttiere, müssen immer bereit sein, in einer Gefahrensituation aus dem Stand loszustürmen und sich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Genau deshalb liegen sie im Freien selten und ruhen die meiste Zeit stehend.

Um dennoch ausreichend relaxen zu können, haben Pferde eben diese spezielle Kniegelenkskonstruktion, die dafür sorgt, dass sie im Stehen schlafen können.

Wenn nämlich ein Bein fixiert ist, kostet es das Pferd keine Anstrengung, um auf diesem Bein stehen zu bleiben.

Das andere Hinterbein wird währenddessen in Ruheposition gesetzt. Dabei hebt das Pferd sein Hinterbein ein bisschen an, knickt es leicht ein.

Bei den Vorderbeinen sorgt der senkrechte fast säulenartige Aufbau der Gliedmasse für sicheren, unaufwändigen Stand.

Übrigens: Das Im-Stehen-Schlafen ist übrigens keine echte Alternative zum Tiefschlaf. Den absolvieren auch Pferde im Liegen und sie benötigen ihn – genau wie wir Menschen – regelmäßig und ausreichend! 

Gibt es Kastanien auch am Bein? Ja, nicht nur am Baum!

Kastanie am Pferdebein (Quelle: Wikipedia)
Kastanie am Pferdebein (Quelle: Wikipedia)

Kastanien trägt das Pferd nicht nur im Herbst. Sie befinden sich ganzjährig an allen vier Gliedmaßen und sind sogenannte „Rudimente“ – das heißt die Kastanien sind also gewissermaßen knöcherne Erinnerungen aus den Zeiten, als das Pferd noch fünf Finger und fünf Zehen besaß. Die Form der Kastanie ist übrigens so individuell wie der menschliche Fingerabdruck und variiert zudem stark nach Rassetypus.

Spannendes zum Pferdekörper liest du auch in unserem Blogbeitrag Pferde mit Köpfchen – der Pferdeschädel im Blick.

Freue Dich darüber hinaus schon jetzt auf einen super interessanten Blogartikel zum Thema: „Mit allen Sinnen, was Du über die fünf Sinne des Pferdes unbedingt wissen musst.“


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