Pferde mit Köpfchen – der Pferdeschädel im Blick

Er ist groß und massig: Der Schädel Deines Pferdes – und selbst die edelsten Pferde haben im Vergleich mit anderen Tieren und auch mit dem Menschen einen echt riesigen Kopf. So groß wie der Pferdekopf auch ist, so sensibel ist er. Das musst Du stets im Hinterkopf behalten!

Wie der Kopf Deines Pferdes aufgebaut ist und welche Besonderheiten er aufweist, das erfährst Du in diesem Beitrag. Warum die Fakten zum Pferdekopf so wichtig sind? Weil sie bei der Auswahl und Verschnallung der Zäumung eine entscheidende Rolle spielen.

Großer Schädel, kleines Gehirn

Grob eingeteilt ist der Pferdeschädel in den Hirnschädel und den Gesichtsschädel. Gebildet wird er Hirnschädel von der Gehirnkapsel. Der Gesichtsschädel besteht aus der Nasenkapsel, der sogenannten Mandibula und dem Zungenbein.

Obwohl gerade Dein Pferd natürlich ausgesprochen schlau ist, so ist sein Gehirn nicht gerade groß. Der Hirnschädel ist deshalb im Vergleich zum Gesichtsschädel sehr klein. Gerade mal 400 bis 700 Gramm bringt so ein Pferdegehirn auf die Waage und macht damit nur 0,1 Prozent der gesamten Körpermasse aus. Dennoch sind Pferde NICHT dumm! Sie „ticken“ nur anders als Menschen und verarbeiten Informationen im Gehirn mit einem anderen Ziel als beispielsweise wir Menschen. Dein Pferd, verarbeitet, lernt und speichert so ab, dass es im Fall des Falles mit Flucht reagieren kann. Das liegt in seiner Natur.

Gesicht mit Ausmaßen

Schon allein der mächtige Kauapparat nimmt viel Raum in Anspruch
Schon allein der mächtige Kauapparat nimmt viel Raum in Anspruch.

Wieso der Gesichtsschädel des Pferdes so viel größer ist als der Hirnschädel? Weil der mächtige Kauapparat beim Pferd sehr viel Raum einnimmt! Als Pflanzenfresser muss das Pferd breiten Zähnen viel Platz bieten. Zudem benötigen die starken Kaumuskeln eine große Ansatzfläche. Deshalb hat sich der Pferdekopf nach vorne gewissermaßen verlängert als es vom ursprünglichen Laubfresser zum Steppengrasfresser wurde.

Im Schädel des Pferdes befindet sich nicht nur das Gehirn, auch die höheren Sinnesorgane in Form von Ohren, Augen und Nüstern und bestimmte Regionen auf der Zunge sind hier stationiert. Die beiden letztgenannten bilden jeweils den Ausgangspunkt des Atmungs- beziehungsweise des Verdauungsapparates. Die Sinnesorgane des Pferdes sind nicht nur darauf ausgerichtet, Reize weit, rundum und frühzeitig wahrzunehmen, Ohren, Augen und Teile des Mauls sind die entscheidenden Signalgeber in der Kommunikation von Pferden untereinander.

Höchster Punkt, das Genick

Das Genick des Pferdes spielt eine wichtige Rolle und zwar nicht nur, wenn der Richter in der Dressur schaut, ob das Genick „Der höchste Punkt des Pferdes ist“, es also korrekt am Zügel geritten ist. Als Bindeglied zwischen dem Pferdekopf und der hier am Hals beginnenden Rückenlinie spannt es einen wichtigen Bogen in der Anatomie Deines Pferdes.

Die obere Halswirbelsäule, die man als Genick bezeichnet, ist besonders beweglich und: Sie ist extrem sensibel, denn hier laufen jede Menge Nervenbahnen entlang, die Ihren Weg vom Pferdekopf in Richtung Pferdekörper nehmen. Der Bereich des Hinterhauptbeins und den beiden ersten Halswirbeln ist gewissermaßen ein Nadelöhr für die Nerven des Pferdes.

Deshalb ist es so wichtig, dass hier kein falscher Druck ausgeübt wird – weder durch die Zäumung, noch durch das „Beizäumen“ durch den Reiter.

Anatomische Trensen sind nicht nur besonders weich abgepolstert, ihre Genickstücke haben zudem einen extra großen Ohrenausschnitt auf Höhe der Ohren. Das ist ganz wichtig, denn dadurch übt kein Riemen zu viel Druck auf das sensibel Genick und zwängt die empfindlichen Ohren nicht ein. Dieser Bereich wird durch den ergonomischen Riemenverlauf ausgespart. Wenn Du Dein Pferd mit einer weich gepolsterten anatomischen Trense mit großem Ohrenausschnitt zäumst, wirst Du schnell feststellen, dass es sich damit besonders wohl fühlt. Ultrasofte Genickstücke – auch Nacken- oder Kopfstücke genannt – mit großem Ohrenausschnitt werden von den Pferden als angenehm empfunden.

Ohren auf – hier ist Bewegung im Spiel

Pferdeohren sind wirklich scharfsinnig und stecken Menschenohren klar in die Tüte. Wie ein Trichter filtert das Pferdeohr selbst leiseste Geräusche aus der Umgebung und verarbeitet es weiter im Ohreninneren. Was an den Ohren des Pferde für die Passform der Trense eine Rolle spielt, ist die enorme Beweglichkeit der Pferdeohren. Diese sind nämlich ständig in Bewegung – als Reizempfänger und als Kommunikator. Dieses Ohrenspiel darf durch Halfter, Trense oder Kandaren nicht eingeschränkt werden. Die Trense muss also groß genug gewählt und weit genug geschnitten sein. Ein extra Ohrenausschnitt, wie ihn anatomisch geschnittene Trensen aufweisen, bieten sich hier als pferdefreundliche Ausrüstung besonders an. Natürlich muss auch das Stirnband so lang sein, dass es die beiden Seiten der Trense nicht zusammen zieht und Dein Pferd so durch die Trensenriemen Druck auf den unteren Teil der Ohren bekommt.

Augenblick mal

Achte bitte genauestens darauf, dass die Zäumung passt und Du Dein Pferd in keinster Weise negativ beeinträchtigst!
Achte bitte genauestens darauf, dass die Zäumung passt und Du Dein Pferd in keinster Weise negativ beeinträchtigst!

Ganz typisch für das Pferd sind seine sehr seitlich liegenden, großen Augen. Achte darauf, dass Deine Zäumung weit genug geschnitten und das Stirnband lang genug ist, dass die Trensenriemen nicht zu dicht an der empfindlichen Augenregion entlang führen. Das Backenstück muss auch deshalb klar unterhalb des Jochbeins liegen.

Das Sichtfeld des Pferdes beträgt durch eben diese seitliche Augenlage nahezu 360 Grad. Dein Pferd hat also einen guten Rundumblick. Das bedeutet nun aber nicht, dass es Augen hat wie ein Luchs. Denn es nimmt nicht all das gestochen scharf, sondern vieles eben nur schemenhaft wahr. Pferde überblicken also mehr Raum als beispielsweise Menschen oder Raubtiere, das aber mit deutlich weniger Tiefenschärfe.

Einäugiges Sehen

Die "monoklare Sichtweise" erklärt viele Verhaltensmuster Deines Pferdes
Die „monoklare Sichtweise“ erklärt viele Verhaltensmuster Deines Pferdes

Eine weitere spannende Besonderheit der Sichtweise von Pferden ist, dass sie „monokular“ schauen. Was das heißt? Pferde schauen mit jedem Auge einzeln. Die beiden Augen nehmen die Umwelt also unabhängig voneinander wahr und verarbeiten die Reize gewissermaßen einäugig. Dieses Wissen schärft Dein Verständnis für eine Verhaltensweise, die wir Menschen beim Reiten oft nicht nachvollziehen können und die uns manchmal ungeduldig macht: Wenn Du Dein Pferd auf der rechten Hand an einem „Schreckensgespenst“ vorbei gelotst hast und ihm lang und breit gezeigt hast, dass der Blumenkübel am Rande des Dressurvierecks gar nicht schlimm ist, ist längst noch keine Entwarnung in Sicht. Du musst diesen Blumenkübel auch noch auf der linken Hand passieren. Dein Pferd muss das Blumen-Ungeheuer von beiden Seiten gesehen haben und beide Informationen (der Blumenkübel ist ungefährlich) separat ans Gehirn weitergeben. Erst dann ist alles gut.

Das monokulare Sehen führt übrigens auch dazu, dass Dein Pferd Distanzen gerade in untrainiertem Zustand nicht gut einschätzen kann.

Pferdemaul – viel Platz für breite Zähne

Das nach vorne zulaufende Pferdemaul bestimmt die typische Kopfform des Pferdes. Es ist äußerst geräumig, denn es bietet bis zu 40 breiten Pferdezähnen Platz:

Querschnitt des Pferdegebisses – Hier ist die Lücke, durch die das Gebiss geführt wird – das Diastema – gut zu erkennen.
Querschnitt des Pferdegebisses – Hier ist die Lücke, durch die das Gebiss geführt wird – das Diastema – gut zu erkennen.

Stuten haben üblicherweise 36 Zähne, Hengste sogar 40. Oben und unten sind das vorne je sechs Schneidezähne, die sich in einer breiten Lücke von den insgesamt 24 Backenzähnen distanzieren. Diese Lücke, die man im Fachjargon Diastema nennt, ist natürlich nicht für das Trensen-Gebiss da – aber es passt dort gut rein. Außer wenn dort scharfe Wolfszähne ihren Platz einnehmen. Diese Zähne wachsen im jungen Alter von etwa vier Jahren und dienen ihnen in freier Natur als Waffe für Revierkämpfe. Beim Reitpferd werden sie in der Regel gezogen.

Die Schneidezähne der Pferde sind lang, die Backenzähne flächig. Pferdezähne schieben pro Jahr rund zwei bis drei Millimeter nach, um die Abnutzung durch das in der freien Natur harte Futter auszugleichen. Das tun sie allerdings nur, bis das Pferd sieben Jahre alt ist. Danach nutzen sie ab und werden Jahr für Jahr kürzer.

Um das Futter optimal mahlen zu können, benötigt Dein Pferd viel Kraft. Die liefert der „große Kaumuskel“. Er ist tatsächlich der vergleichsweise stärkste Muskel des Pferdes. Er sorgt dafür, dass die Backenzähne mit sage und schreibe 5 Tonnen Presskraft aufeinander treffen und Heu und Hafer, Gras und Rüben zermalmen.

Um Zahnprobleme zu beheben oder ihnen vorzubeugen, solltest Du einmal jährlich einen Pferdezahnarzt zur Kontrolle kommen lassen. Er nimmt, wenn nötig, Korrekturen vor. Nur so kannst Du gewährleisten, dass Dein Pferd das Trensengebiss problemlos annehmen und akzeptieren kann. Zahnprobleme wie scharfe Kanten, Haken oder unbequeme Wolfszähne stören das Pferd und bereiten ihm Schmerzen. Es frisst schlecht und ist beim Reiten mit Gebiss maulig. Rittigkeitsprobleme sind vorprogrammiert.

Nur Haut und Knochen

Der Pferdekopf besteht fast nur aus Haut und Knochen – 29 zumeist platte Knochen um genau zu sein. Eigentlich ist dieser Bereich viel zu empfindlich, um daran eine Menge Leder und Metall zu befestigen. Nur eine dünne Hautschicht bedeckt den Schädelknochen, keine umfangreichen Fettpolster oder Muskelberge liegen schützend dazwischen. Große und kleine Blutgefäße laufen hier – teils deutlich sichtbar – immer dann, wenn das Pferd angestrengt arbeitet. Aber auch viele Nerven und andere wichtige Strukturen – etwa die Speicheldrüsen und ihre Ausführungsgänge – sind im Bereich der Oberfläche unsichtbar „eingebaut“ oder verlaufen oft nur wenige Millimeter unterhalb des dünnen Fells. Diese Strukturen sind besonders empfindlich – wir Menschen kennen das Phänomen, wenn wir uns versehentlich den kaum geschützten, am Ellbogen direkt unter der Haut liegenden Nervus ulnaris anhauen – dieser „Musikantenknochen“ sagt uns dann sehr deutlich, was er von dieser groben Behandlung hält! Ähnlich müssen wir uns die Situation am Pferdekopf vorstellen.

Verborgen und vernetzt – Die Nervenbahnen am Pferdekopf

Der Kopf des Pferdes ist im wahrsten Sinne des Wortes nervig. Das Gesicht Deines Pferdes wird überzogen vom Gesichtsnerv, dem Trigeminusnerv. Dieser Trigeminusnerv ist für sensorische Wahrnehmungen im Gesicht verantwortlich. Der Gesichtsnerv verzweigt sich vom Gehirn kommend in drei Äste: Er versorgt unter anderem die Augenpartie, die Nüstern und den Nasengang, die Zähne und die Kieferäste mit sensorischen Fasern.

Anders als die größeren Blutgefäße, deren Verlauf sich zumindest erahnen lässt, zeichnen sich die Nerven allerdings nicht ab, oft aber begleiten sie die Adern.

Es liegt auf der Hand, dass diese empfindlichen Strukturen es nicht vertragen, wenn zu großer oder zu lang andauernder Druck ausgeübt wird. Lange bevor die Haut darauf mit sichtbaren Spuren reagiert, leiden bereits die Nervenbahnen, werden Blutgefäße gequetscht, wird Gewebe durch den Druck und die Reibung regelrecht am darunterliegenden Knochen zerrieben. Dies verläuft optisch wesentlich weniger dramatisch als etwa ein ausgewachsener Satteldruck, aber gerade deshalb wird die Problematik oft unterschätzt.

Was kannst Du als Reiter tun? Eine ganze Menge! Das Zaumzeug sollte unbedingt so geschnitten sein, dass es der Anatomie des Pferdekopfes folgt und nicht auf Knochenvorsprüngen oder anderen empfindlichen Stellen drückt oder reibt beispielsweise an den Ohrknorpeln, oder den Gesichtsleisten.

Dass es zum Pferdekopf, den Sinnesorganen, den Pferdezähnen und weiteren Aspekten noch viel, viel mehr zu berichten gibt, das wissen wir und bereiten es eigens für Dich in weiteren interessanten Beiträgen vertiefend auf. Das gilt auch für das Zaumzeug. Freue Dich schon jetzt auf Fakten, Fakten, Fakten rund um das Thema Trensen und Co. 

Gefällt Dir dieser Beitrag und Du möchtest Dein Feedback loswerden? Du hast Fragen? Schreib uns gerne einen Kommentar oder eine E-Mail!

P.S.: Eine Übersicht zu sämtlichen Zäumen und insbesondere den in diesem Beitrag erwähnten anatomischen Trensen findest Du auf der Kieffer-Website (www.kieffer.net). Hier kannst Du Dich ausgiebig über alle Modelle informieren. Falls Du Dich für ein Modell entscheiden solltest, freut sich Dein Kieffer-Fachhändler entweder vor Ort oder auch im Netz über Deine Anfrage.

Das oben im Foto abgebildete Trensenmodell Kieffer Ultrasoft® Amy haben wir direkt hier für Dich verlinkt.

0 Kommentare zu “Pferde mit Köpfchen – der Pferdeschädel im Blick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.