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Tücken der Weidesaison – vom Weidebauch bis zur Hufrehe

Alle Jahre wieder… geht es wieder los: mit dem Start der Weidesaison entwickeln sich viele Pferde – vor allem die, die mehrere bis zu 24 Stunden auf der Weide verbringen – zu nimmersatten Problemkindern und der Bauchumfang nimmt stetig zu. Diese Tatsache lässt unserer Pferd nicht nur unförmig werden, sondern das zusätzliche Gewicht wirkt sich auch noch negativ auf Leistungsfähigkeit und die Belastung der Gelenke aus. Weitere gesundheitliche Folgen durch zu ausgiebiges Weiden können ernstzunehmende, teils lebensbedrohlich werdende Erkrankungen wie z.B. Hufrehe sein. Natürlich ist nicht jedes Pferd gleich ein Problemkind, es gibt aber dennoch genug „Risiko-Pferde“, die mit Beschwerden zu kämpfen haben.

Da die Weidehaltung an sich den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes im Prinzip mehr als gerecht wird, können wir uns das Phänomen Weidebauch und andere o.g. Beschwerden schwer erklären. Saftiges, frisches Gras kann doch keine Kalorienbombe oder Verursacher von Erkrankungen sein? Doch, die Menge macht´s! Warum das so ist und wie wir dagegensteuern können, wollen wir in diesem Beitrag erklären.

Wenn im Frühjahr das frische Gras sprießt…

…passiert etwas, was jedes Jahr auf´s Neue stattfindet: nach der kalten, lichtarmen Wintersaison erwachen mit den steigenden Temperaturen und dem wohltuenden „Mehr” an Sonnenlicht unsere Wiesen und Weiden zu neuem Leben. Der Stoffwechselprozess der Pflanzen wird wieder angeregt und sie beginnen damit zu wachsen und Energie zu erzeugen.

Durch Licht, Wärme und Wasser kann die uneingeschränkte Photosynthese wieder stattfinden und das frische Gras beginnt, wieder Glukose (Traubenzucker) zu bilden. Neben Glukose werden in Gräsern weitere Zuckermoleküle mit unterschiedlichen Funktionen erzeugt, die sich die Pflanzen zur ihrer Aufrechterhaltung (Energiespeicherung, Schutz vor Dürre und Frost) zu Nutze macht – wie z.B. Fruktan, welches vornehmlich zum Wachstumsbeginn im Frühjahr oder zum Ende der Wachstumsperiode im Herbst in den Gräsern enthalten ist.

Der Fruktangehalt der Gräser ist bei sonnigem aber kaltem Wetter besonders hoch, da viel Fruktan gebildet, dies jedoch kaum für das Wachstum der Pflanze verbraucht wird und in der Pflanze gespeichert wird. In den Sommermonaten relativiert sich dieses Ungleichgewicht dann wieder.

Warum das Gras zum Beginn der Weidesaison besonders gut schmeckt

Das frische Frühlingsgras enthält den Energievorrat an Fruktan (mehrkettiges Zuckermolekül, Mehrfachzucker) sowie die frisch erzeugte Glukose (kurzkettiges Zuckermolekül, Einfachzucker) – sprich, das Gras enthält eine Extraportion Kohlenhydrate und schmeckt zudem auch noch besonders gut aufgrund seiner Süße durch das Fruktan. Der süße Geschmack und das rasante Auf und Ab des Blutzuckerspiegels regen zudem den Appetit an – das eigentliche Problem ergibt sich allerdings erst aus der zugeführten Gesamtmenge an Gras und somit Zucker. Diese Mengen können sich auf viele Kilos pro Tag belaufen, je nachdem wie viel Zeit das Pferd auf der Weide verbringen darf.

Was kurz zusammengefasst im Körper passiert

Wie schon im Absatz zuvor angemerkt, macht die Menge das Gift bzw. das Problem und ggf. die Kombination aus Glukose und Fruktan aus.

Glukose

Kurzkettige Zuckermoleküle wie Glukose sind ein perfekter Energielieferant bei körperlicher Belastung und sie müssen im Vergleich zu Mehrfachzuckern (z.B. Fruktan) nicht vorerst vom Körper zerlegt werden, um Energie zu liefern. Werden sie dem Körper dauerhaft und nicht in Verbindung mit körperlicher Belastung zugeführt, wird der Energieträger nicht verwertet, sondern als Glykogen im Körper gespeichert. Das Glykogen, die Speicherform der Kohlenhydrate, wird dabei in Verbindung mit Wasser gespeichert. Ein Gramm Glykogen kann zusätzlich bis zu vier Gramm Wasser binden. Das bedeutet in Hinblick auf das Phänomen Weidebauch:

Ein Pferd von 600 kg frisst ungefähr 3-5 kg Gras pro Stunde. Ist dieses Pferd eines, das dauerhaft weidet und ein Kandidat, der wenig Arbeit verrichtet und noch zusätzlich eine Ration Futter erhält, erklärt dies die Entstehung eines Weidebauchs:
Energieüberschuss + Wassereinlagerungen = Weidebauch.

Ein weiterer Aspekt ist der Insulinspiegel, der durch Zuckerzufuhr rasant ansteigt und ebenso schnell wieder abfällt, was sich negativ auf das Hunger- und Sättigungsgefühl auswirken kann. Das ist der Grund dafür, warum das Pferd alleine sein Fressverhalten nicht kontrollieren und regulieren bzw. korrigieren kann und wir ihm dabei helfen müssen.

Fruktan

Das langkettige Zuckermolekül Fruktan hingegen, dessen Konzentration wie erwähnt bei sonnigem aber kaltem Wetter am höchsten ist, kann sich weitaus problematischer auf den Organismus des Pferdes auswirken und im Übermaß entzündliche, im schlimmsten Fall lebensbedrohliche Erkrankungen hervorrufen. Das Verdauungssystem des Pferdes kann den großen Fruktanüberschuss über die Grasaufnahme in Magen und Dünndarm nicht verabeiten. Somit gelangt eine große Menge Kohlenhydrate (Mehrfachzucker) unverdaut in den Dickdarm, was die bakterielle Darmflora des Pferdes verändert und die Anzahl der kohlenhydrateverarbeitenden Bakterien vervielfacht. Das Stoffwechselabfallprodukt dieser Bakterien sind große Mengen Milchsäure, die die Bakterienvielfalt im Darm außer Kraft setzt, für eine Übersäuerung sorgt und Endotoxine bzw. Giftstoffe entstehen lässt. Diese gefährliche Mischung gelangt über die Darmwand in den Blutkreislauf, der Organismus übersäuert und quälende, entzündliche Prozesse wie Hufrehe können ihren Lauf nehmen sowie Pferd und Reiter das Leben zur Hölle machen.

Nun können wir uns die Beschwerden erklären… und was nun?

Sowohl die negativen Auswirkungen auf das Körpervolumen als auch die Begünstigung entzündlicher Prozesse im Körper lassen sich auf das Fressverhalten auf der Weide zurückführen. Das soll nicht heißen, dass wir unseren Pferden ihre natürlichen Bedürfnisse verwehren sollten – wir können ihnen aber helfen, diese auszuleben und dennoch fit, gesund und beschwerdefrei zu bleiben. Und dies ganz besonders im Frühjahr, wenn die Weidesaison beginnt.

Des Weiteren sollte der Fütterung der Pferde im Allgemeinen ein besonderes Augenmerk geschenkt werden, um den Bedarf an Macro- und Micronährstoffen bestmöglich an den Stoffwechsel und das Gesundheits- und Leistungsniveau anzugleichen. Um auf Nummer sicher zu gehen, lohnt sich eine professionelle Futterberatung – denn nicht nur bei uns sondern auch beim Pferd gilt: Du bist, was du isst!

Prävention

Durch folgende Maßnahmen können wir Beschwerden vorbeugen.

Richtiges Anweiden

  • Wenn die Nächte noch frostig sind oder die Witterungsbedingungen ungünstig, lieber noch etwas mit dem Anweiden warten. Wie oben schon erklärt, ist der Fruktangehalt besonders hoch und regelt sich erst, wenn die Gräser sichtbar zu wachsen beginnen.
  • Der Weidegang sollte dem Pferd nicht direkt von Anfang an bis zu mehreren Stunden gewährt werden, sondern idealerweise in Intervallen, die nach und nach gesteigert werden, z.B. mit 15 Minuten anfangen und nach und steigern.
  • Vor dem Weidegang hochwertiges Heu anbieten.
  • Weidegang und Fütterung gut aufeinander abstimmen.

Auf (präventive) Hilfsmittel zurückgreifen

Sollte es sich nicht vermeiden lassen, dass der Weidegang zu Anfang der Saison schrittweise verlängert wird oder sollte sich das Pferd bei dauerhaftem Weidegang im Sommer zum Nimmersatt entwickeln, eignen sich Freßbremsen bzw. Maulkörbe um die Grasaufnahme wirksam einzuschränken, um den unliebsamen Weidebauch zu vermeiden/minimieren und/oder der Entstehung von Entzündungsherden im Körper vorzubeugen. Auch der Heukonsum aus bei Rundballen mit Heunetzen kann wirksam damit eingeschränkt werden.

Wir bei Kieffer haben in Zusammenarbeit mit Frau Sabine Georgi, die Besitzerin zweier weidebegeisterter Pferde ist, einen pferdegerechten Weidemaulkorb entwickelt. Der Easygrazer® ist eine pferdefreundliche aber dennoch stabile Konstruktion bestehend aus unserem pflegeleichten, wasserabweisenden, haltbaren als antiallergenem SECU®-Material mit einer Bodenplatte aus lebensmittelsicherem Biothane. Alternativ ist noch die Variante Easygrazer Neo® erhältlich, die komplett aus Biothane und ohne den Einsatz von Nieten gefertigt ist.

Für den Tragekomfort ist dieser Maulkorb mit klettbaren Neoprenpolstern ausgestattet, die sich problemlos waschen lassen. In erster Linie die Einschränkung der Futteraufnahme sowie ein hoher Wohlfühfaktor, ungestörte Mimik des Pferdes, uneingeschränkte Wasseraufnahme sind einige von vielen Vorteilen, die den Easygrazer® zu einer „Freßbremse“ der ersten Wahl machen.

Weiterführende Informationen zum Easygrazer®:

Vorsicht bei Verdacht auf Hufrehe – bitte schnell handeln!

Hufrehe – oder Laminitis – ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die wie bereits erwähnt, durch übermäßiges Weiden und gesteigerte Fruktanaufnahme entstehen kann – deshalb gehen wir im Verbund mit diesem Artikel darauf ein. Weitere Ursachen für das Auftreten der Erkrankung können z.B auch Überbelastung der Hufe (z.B. durch durch langes Laufen auf harten Böden) oder  Vergiftungserscheinungen (Aufnahme von Giftpflanzen, Pilzsporen oder Parasitenbefall) sein.

Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine sehr schmerzhafte Entzündung der Klauenlederhaut, wobei sich die Hufkapsel von der Lederhaut ablöst. Hufrehe ist für Pferd und Reiter als Notfall zu verstehen und bedarf umgehender Behandlung und kann in besonders akuten Fällen unbehandelt tödlich enden!

Symptome:

  • Zu Beginn fühlen sich die Hufe kälter an als im Normalzustand.
  • In Minutenschnelle tritt schrittweise eine Erwärmung des Hufes ein – er entzündet sich.
  • Der Kronrand schwillt an.
  • Das Gangbild ändert sich, Schritte werden kürzer, Bewegungen steifer.
  • Das Pferd hebt regelmäßig die Füße an.
  • Die Atem- und Pulsfrequenz ist erhöht, ggf. begleitet von Fieber.
  • Häufiges Liegen, Schmerzen, Angstzustände und Unruhe.

Bitte beim Auftreten erster Symptome sofort den Tierarzt verständigen und abklären lassen!

Erste Hilfe:

Da es sich um eine Entzündung mit extremer Wärmeentwicklung handelt, ist Kälteeinwirkung (am besten mit Crushed Eis!) neben der Verständigung des Tierarztes eine naheliegende Erste-Hilfe-Maßnahme. Mit Hilfe von permanenter Kühlung – idealerweise für 48-72 Stunden – kann ein erkranktes Pferd aus der Akutphase herausgeführt werden.

WICHTIG: Wenn von Kühlung die Rede ist, reicht der Kältegrad von Leitungswasser nicht aus! Das Kühlmittel muss eiskalt sein UND der Kühlzyklus darf bis zur Besserung der Beschwerden nicht unterbrochen werden.

Wie in der roten Box erklärt, ist dauerhafte, ununterbrochene Kühlung (am besten mit Eis), DAS Mittel für die Erste Hilfe. Jedoch ist dies im Hinblick auf die permanente Dauer von bis zu 72 Stunden ohne dem Pferd von der Seite zu weichen schwer bis nicht realisierbar.

Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit Andrea Urban vom Ponygestüt Keltenschanze am Ammersee basierend auf ihrer Notsituation mit dem Thema Hufrehe den Kieffer Hufkühler entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Hufglocke mit integrierten Kühlpads. Die Pads werden eingefroren, mittels Klett in der Hufglocke befestigt und wie eine herkömmliche Hufglocke am Huf des Pferdes befestigt. Somit ist eine gezielte Kühlung bis zu 3 Stunden möglich. Um den Kühlzyklus nicht zu unterbrechen und eine optimale Behandlung zu gewährleisten, empfiehlt es sich – abhänging vom Beschwerdezustand des Pferdes – mit zwei bzw. drei Paar Kühlpads abwechselnd zu arbeiten. Unpraktische, mühsame und zeitaufwendige Methoden wie Wasserbäder oder Kühlverbände, die oft nachgekühlt werden müssen und dazu neigen, den Huf aufzuweichen, gehören der Vergangenheit an.

Unserer Meinung nach gehört der Hufkühler in die Notfallapotheke eines jeden Stalls, um in einem Akutfall Erste Hilfe leisten zu können und die Therapie der Erkrankung nach dem Tierarztbesuch lindernd begleiten zu können.

Mehr Informationen zum Hufkühler findet ihr hier: