Luft zum Reiten – warum tiefes Durchatmen so wichtig ist

Jeder Reiter atmet – sonst würde er sicherlich nach kurzer Zeit leblos vom Pferd rutschen. Aber: Nicht jeder Reiter atmet richtig. Das wirkt sich negativ aus. Auf den Reiter selber und auf sein Pferd.

Willst Du wissen, wie Du auf dem Pferd nicht krampfhaft nach Luft schnappst und auch in Stresssituationen tief durchatmen kannst? Dann lies alles Wissenswerte rund um das richtige Atmen beim Reiten und seine positiven Auswirkungen.

Verlernte Atmung – was passiert, wenn Du nicht richtig durchatmest

Babys und Kleinkinder atmen instinktiv richtig. Doch rund zwei Drittel der Erwachsenen haben heutzutage den natürlichen Rhythmus fürs Atmen verlernt! Die Gründe sind vielfältig.

Beautywahn und Unbeweglichkeit

Die Schönheit beispielsweise fordert hier ihren Tribut und verleitet insbesondere Frauen dazu, den Bauch selbst beim Atmen einzuziehen, um nur ja immer eine flache Taille zu zeigen. Aber auch der moderne Arbeitsplatz spiegelt sich im Atemverhalten wieder: Häufig befindet man sich den ganzen Tag über im Büro am Schreibtisch. Dort sitzt man leicht nach vorne gebeugt, bewegt sich kaum und verkrampfte Rückenmuskulatur, Stress. Diese Sitzhaltung raubt auch schon Schulkindern zunehmend den Atem.

In dieser unbeweglichen Sitzposition gewöhnt man sich allmählich ein falsches weil unzureichendes Atemverhalten an: Es wird nunmehr in die Brust zu atmen, wodurch das Zwerchfell zu wenig aktiviert wird. Falsches Atmen verschlechtert aber die Versorgung des Organismus mit Sauerstoff. Es kommt zu Kreislaufstörungen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, die Stimme und das Sprechen können beeinträchtigt sein. Falsches Atmen kann darüber hinaus seelische Verstimmungen, Müdigkeit, Schlafstörungen, Nervosität und Angst bis hin zu Depressionen auslösen

Frische Luft gibt Power – atme den Sauerstoff-Kick

Wenn Du regelmäßig bewusst und tief in den Bauch atmest ist die Atmung für Deinen Körper ein echter Vital-Booster. Denn mit jedem Atemzug strömt frischer Sauerstoff in Deine Lungen. Ist Deine Lunge gut durchlüftet, ist sie darüber hinaus gut durchblutet. Das wiederum wirkt sich positiv auf Dein Immunsystem aus.

Trockenübung – wie Du in den Bauch UND in den Rücken atmest

Setzt Dich in legerer Kleidung entspannt aber dennoch aufrecht auf einen Stuhl. Sitze so gerade, dass Du weder ein Hohlkreuz noch einen Rundrücken hast. Durch die aufrechte Haltung bekommt Deinem Bauch den größtmöglichen Raum für Luft.

Lege Die Handfläche Deiner einen Hand auf den Bauch und platziere den Handrücken der anderen Hand auf den Rücken in Höhe der Lendenwirbelsäule. Konzentriere Dich nun zunächst auf die Bauchatmung und atme tief nach unten in den Bauchraum. Versuche, mit der Atemluft gezielt gegen Deine Handfläche zu drücken.

Nach einigen Atemzügen gehst Du einen Schritt weiter: Nun atmest Du bis in den unteren Rücken.

Wie Du die Luft in den Rücken bekommst? Atme nach vorne unten in den Bauch in den spanne den Bauch nun etwas an. Dadurch wird die Luft nach hinten in den Rücken geschoben mit zweifach positivem Effekt für Reiter: Erstens gibst Du der Atemluft nun maximales Volumen kannst also richtig viel frische Luft tanken. Und: Du aktivierst durch das Atmen in den Rücken Deine Kreuzhilfe. Das bedeutet, Du sitzt „am Pferd“ und treibst es allein durch diese Atemtechnik fein von hinten nach vorne an.

Atmung als Signal

Nicht nur auf Dich selber hat die Atmung einen entscheidenden Einfluss sondern auch auf Dein Pferd. Denn Dein Pferd hat ein ganz feines Wahrnehmungsvermögen. Es spürt unter anderem über Deine Atmung wie Du Dich fühlst!

Pferde haben nämlich die Fähigkeit, unsere Ängste, Unsicherheiten und Spannungen zu lesen. Ihre sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit ist im Gegensatz zu der bei uns Menschen intensiv und voll ausgeprägt. Geradezu instinktiv können Pferde über ihre sensiblen Antennen wahrnehmen, wie wir uns fühlen, denn genau das drücken wir unter anderem durch unsere Atmung aus. Das ist uns leider gar nicht wirklich bewusst und wir achten nicht drauf, schon über unsere tiefe und gelassene Atmung uns selbst und unserem Pferd zu signalisieren: Alles ist gut, alles ist entspannt.

Das Pferd aber achtet darauf ob wir tief oder flach, ruhig oder hektisch atmen und „zieht seine Schlüsse“.

Deshalb solltest Du Dir Deine Atmung im Umgang mit Deinem Pferd und beim Reiten immer mal wieder bewusst machen und sie so beeinflussen, dass sie Dir und Deinem Pferd gut tut. Denn das funktioniert ganz hervorragend

Gesteuerter Atem – ja Du kannst Deine Atmung steuern

Den Großteil der Vorgänge in unserem Körper können wir willentlich gar nicht beeinflussen. Zu diesen automatischen Abläufen gehören unter anderem der Herzschlag oder die Verdauung.

Eine (teilweise) Ausnahme bildet die Atmung. Wir können unseren Atem innerhalb von gewissen Grenzen steuern. Wir können zwar nicht ganz aufhören zu atmen, aber, wir können Tiefe und Rhythmus durchaus kontrollieren.

Da sich die Atmung ihrerseits auf die Herzfrequenz auswirkt, besteht über kontrolliertes Atmen auch die Möglichkeit, Deinen Herzschlag gezielt zu beeinflussen: Durch langsames Atmen kannst Du Deinen Herzschlag drosseln, durch schnelles Atmen kannst Du ihn beschleunigen.

Schnappatmung und Herzrasen – das passiert bei Angst

Angst ist in der Regel mit „Herzklopfen“ beziehungsweise mit „Herzrasen“ und raschen, flachen Atemzügen verbunden. Geräts Du in Panik, atmest Du flach, Dein Herz pocht wild. Du hast richtig Stress, bist fahrig und unkontrolliert. Das spürt auch Dein Pferd und „denkt“: ACHTUNG – Gefahr droht. Du steckst es mit Deiner Angst regelrecht an.

Nie wieder Angst

Die gute Nachricht: Angst kann man tatsächlich weg atmen!!!

Funktionieren tut das prinzipiell wie das Pfeifen im Wald – oder das Singen beim Hinabsteigen in den dunklen Keller. Um den Zustand von Angst oder Unwohlsein besonders effektiv in den Griff zu bekommen, empfiehlt es sich durchaus, den Ernstfall zu üben und nicht erst in der Stresssituation im Sattel mit der bewährten Technik zu starten. Also: Übe bewusst zu atmen und schaue, welche der folgenden Übungen, Dich besonders locker machen. Die wendest Du dann an, wenn Du beim Reiten merkst, dass Du ängstlich wirst und eine Situation Dich verunsichert.

Die NEUN besten Tipps, wie Du die Angst einfach weg atmen kannst

Sechs Mal tief Luft holen

Achte besonders in Angstsituationen darauf, nur sechs Mal oder sogar noch weniger pro Minute zu atmen. Das ist deutlich weniger, also als die normalen acht bis zwölf Mal, die Du sonst pro Minute atmest. Du wirst angenehm überrascht sein, wie beruhigend dies unmittelbar wirkt. Indem Du Dich auf die Atmung konzentrierst, lenkst Du Dich zugleich von äußeren Angstreizen oder auch ängstlichen Gedanken ab.

Raus mit der Angst

Bemühe Dich vor allem um eine langes Ausatmen. Es ist nämlich das Ausatmen, das die eigentliche Entspannung bringt. Du solltest doppelt so lange ausatmen wie einatmen. Besser noch: DREI Mal so lange…

Ja zur Nasenatmung

Atme möglichst immer durch die Nase ein. Wenn Du die Luft bei geschlossenem Mund gewissermaßen „einschnüffelst“, ist das deutlich gesünder als wenn Du per Mundatmung Luft holtst: Unter Anderem, weil Du eine viel bessere Sauerstoffausbeute hast. Dein Blut wird stärker mit Sauerstoff angereichert und Deine Organe werden optimal mit dem einströmenden Sauerstoff versorgt.

Hände hoch

Nimmst Du bei der Nasenatmung die Hände hoch und verschränkst sie hinter dem Kopf, öffnest Du Dich automatisch für die tiefe Atmung in den Bauch.

Dufte Hilfe

Angenehme Gerüche beruhigen. Früher hatte man schnell ein wenig „Riechsalz“ zur Hand, um Panikattacken entgegen zu wirken. Vielleicht gibt es ja auch einen Duft, den Du besonders gerne hast und mit dem Du eine entspannte Situation assoziierst? Dann trage diesen in einem kleinen Fläschchen bei Dir und rieche daran, wenn Du merkst, dass Du unsicher oder gar ängstlich wirst.

Kleine Atempausen

Lassen nach dem Ausatmen einen Moment der „Atemstille“ zu, bis Ihr Körper wieder nach Einatmung verlangt. Nach dem Einatmen indes solltest Du die Luft NICHT anhalten, sondern nahtlos zum Ausatmen übergehen.

Atem visualisieren

Stelle Dir beim Einatmen vor, dass Du beim Einatmen Kraft und Energie tankst. Beim Ausatmen lässt Du los und schiebst Verbrauchtes, Belastendes und Ängstigendes aus Deinem Körper. Formulieren dabei Deine ganz persönlichen Kraftsprüche:

Mit jedem Atemzug werde ich mutiger und stärker

Mit jedem Ausatmen lasse ich meine Angst los

Einfach mal seufzen

Du hast es schon oft gehört: Wenn Pferde entspannen, schnauben sie ab. Versuche das ruhig auch einmal und verbinde das Ausatmen mit entspanntem Seufzen. Es hilft Dir – und: Dein Pferd hört Dein „Schnauben“ und folgert: Alles ok!

Lalala – singen hilft

Singe Dein Lieblingslied. Der Gesangsrhythmus normalisiert automatisch Deine Atmung und forciert Dein Ausatmen. Wer singt, muss nämlich vor allem eines: Ausatmen! Lange und eben laut!

Jetzt kennst Du viele tolle Tricks, um Mut zu atmen. Trainiere die Techniken, die Dir besonders zusagen. Dann kannst Du sie im Notfall problemlos abrufen und wirksam anwenden.

Die Lippenbremse gegen Ärger und Stress
Eine geräuschvolle Atemübung, mit der Du Stresssituationen, Ärger und Verspannungen besser in den Griff bekommst, ist die bewährte „Lippenbremse“. Und so funktioniert sie: Atme tief durch die Nase ein, schließen die Lippen und presse beim Ausatmen die Luft zwischen den Lippen hinaus. Diese Übung solltest Du aber nicht unbedingt auf dem Pferd machen. Da Du ja sowieso nur mit guter Laune im Stall ankommen solltest, presse Deinen Ärger am besten schon zu Hause im stillen Kämmerlein durch die Lippen heraus.

Atmen wie im Schlaf
Wenn wir schlafen oder liegen, bedienen wir uns automatisch der Bauchatmung. Strecke deshalb ruhig mehrmals täglich alle Viere von Dir und mache Dich lang. Einige Minuten auf der Couch stärken Atmung, Nerven und Durchhaltevermögen. Alternativ kannst Du Dich auch an der frischen Luft bewegen und dabei bewusst atmen. Reicht die Zeit nicht, dann recke und strecke Dich vor dem geöffneten Bürofenster und tanke so Frischluft.

Jetzt weißt Du, warum Du tief und gleichmäßig atmen solltest! Das ist nicht nur gesund, das ist auch gut für Dein Gemüt. Bist Du über Deine Atmung entspannt und voller Power, so überträgt sich dieser positive Zustand auch auf Dein Pferd. Ihr beide seid nun in einem angstfreien und leistungsfähigen Zustand.

Apropos Atmung: Damit nicht nur Du gut durchatmen kannst, sondern auch Dein Pferd frei und tief Luft holen kann, muss es mit dem passenden Equipment ausgerüstet sein. Zaumzeug und Sattel müssen perfekt sitzen und ganz korrekt verschnallt sein. Worauf Du beim Anlegen des Zaumzeugs und Anschnallen des Sattelgurts unbedingt achten musst, liest Du in diesen Blog-Beiträgen:

Auswahl mit Köpfchen – wie Reithalfter wirken und wie Du sie richtig verschnallst

Angurten mit Fingerspitzengefühl – so ziehst Du den Sattelgurt richtig nach

Übrigens: Die Pferdelunge ist ein Meisterwerk der Natur: „Volle Power auf kleinstem Raum“ könnte die Überschrift für ihre Arbeit im Pferdekörper lauten…

Hast Du Lust, mehr spannende Fakten über die Lunge Deines Pferdes zu erfahren? Sag uns einfach per Kommentar Bescheid!

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